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Der Eindringling Ein Esel und der Hafer Die nächsten Jahre Bedeutung Weihnachten Weihnachtsgeschenk

 

Der Eindringling

 

   Der neue Freund meiner Mutter bedeutete mir mit der Hand, zu ihm zu kommen. Kaum war ich bei ihm, sagte er nur kurz und keinen Widerspruch duldend: „Gehen wir.“

   Er marschierte sofort los in Richtung Dorfausgang, und ich versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Ohne jemandem begegnet zu sein, überschritten wir wenige Minuten später die Dorfgrenze. Vor uns lagen Felder und Wiesen und natürlich die für Schleswig-Holstein typischen Knicks, die auf kleinen Erdwällen gepflanzten Buschreihen zwischen den Äckern. Sie sollen verhindern, dass der in dieser Gegend fast immer wehende Wind den wertvollen Ackerboden fortweht. So weit das Auge reichte, war außer uns beiden kein Mensch zu sehen. Mich beschlich ein ungutes Gefühl. Ich wollte umkehren, doch seine kräftige Hand stieß mich unerbittlich vorwärts.

   „Weiter!“, herrschte er mich an. „Weiter!“

   Der extrem kalte Winter von sechsundvierzig auf siebenundvierzig lag hinter uns. Der Frühling war endlich da. Überall grünte und blühte es. Die Vögel zwitscherten, tirilierten, sangen, tschilpten und trällerten. In den Knicks tobte das Leben. Doch an mir ging die Fröhlichkeit vorbei. Selbst dem bekannten Ruf des Kuckucks gelang es nicht, mich aufzuheitern. Mich beherrschte ein einziges Gefühl: Angst.

   Zunehmend beunruhigte mich sein verschlossenes Gesicht. Mochte er auch der neue Freund meiner Mutter sein, für mich war er immer noch ein fremder und somit unberechenbarer Mann. „Wird er mich hinter einem Knick erschlagen?“, dachte ich in einem Anfall irrationaler Panik. „Niemand wird mich vermissen. Erst recht nicht um mich weinen.“ Ging es mir nicht sogar noch schlechter als Abrahams Urenkel Josef? Zwar hatten ihn seine Brüder in eine Grube geworfen und ihn anschließend an Sklavenhändler verkauft, aber Josef wurde zumindest von einem Menschen beweint, von seinem Vater Jakob.

   Mein Blick wanderte prüfend über meinen Begleiter. Einen Spaten schien er nicht bei sich zu haben. „Will er mich einfach liegen lassen, den Tieren zum Fraß vorwerfen?“, fuhr es mir durch den Sinn. Mit meiner kindlichen Fantasie steigerte ich mich immer tiefer in die Angst hinein. „Von Tieren gefressen werden, schrecklich!“ Ich nahm allen Mut zusammen und rannte los. Doch bereits nach wenigen Metern spürte ich seine Hand an meinem Kragen. Sie hob mich mühelos empor. Ich strampelte verzweifelt mit den Beinen, aber was kann ein Sechsjähriger gegen einen erwachsenen Mann ausrichten? Im nächsten Augenblick setzte er mich unsanft auf den Boden.

   „Da geht’s weiter!“, knurrte er und stieß mich nach rechts in einen Feldweg.

   Es war ein schmaler Feldweg. Nach der ersten Biegung wandte ich mich um. Von der Hauptstraße war nichts mehr zu sehen. Nun wurde es ernst. „Und niemand wird um mich weinen“, dachte ich wieder und fühlte mich von Gott und aller Welt verlassen. Etwas Gewaltiges drückte auf meine Brust. Ich konnte kaum atmen. Angst lähmte mich, nackte Todesangst.

   An Entkommen war nicht zu denken. Ich war meinem Peiniger ausgeliefert. Ich zitterte am ganzen Körper. Wie ich aus dem Kindergottesdienst wusste, hatte Gott Abraham befohlen, seinen Sohn Isaak zu töten. Es kam zwar nicht dazu, weil Gott rechtzeitig einen Widder als Ersatz schickte. Jetzt war ich an der Reihe, aber kein Widder war in Sicht. Offensichtlich war ich Gott keinen Widder wert.

   Der Freund meiner Mutter holte ein Taschenmesser hervor und klappte die größte Klinge heraus. Mit dem linken Daumen strich er vorsichtig über die Schneide, um die Schärfe zu prüfen. Er zuckte zurück. An seinem Daumen zeigte sich etwas Blut. Die Klinge funkelte in der Sonne. Mit dem offenen Taschenmesser verschwand er im Knick.

   „Denk nicht dran“, drohte er, als ahnte er, dass ich tatsächlich an einen weiteren Fluchtversuch gedacht hatte.

   Kurz darauf erschien er bereits wieder und kam mit einem Stock auf mich zu. Dabei entfernte er noch einige Blätter und kleine Zweige, bis er ihn für geeignet hielt. Er baute sich vor mir auf. Vorsichtig schlug er den Stock einige Male auf seine linke Handfläche.

   „Nun kannst du schreien, so viel du willst. Hier hört dich niemand.“ Er versuchte gar nicht, Hohn und Freude zu verbergen.

   Natürlich hätte ich schreien können, aber wozu? Es gab niemanden mehr, der mir hätte helfen können. Mein Vater war auf der Flucht aus Ostpreußen erschossen worden, und von meinem drei Jahre jüngeren Bruder hätte ich selbst dann keine Hilfe erwarten können, wenn er nicht als Säugling verhungert wäre. Überdies hatte sich etwas Wesentliches ereignet. Mir war inzwischen klar geworden, dass ich nur geschlagen werden sollte. Und in dem Fall konnte ich auch von meiner Mutter, der allein übrig-gebliebenen Erziehungsberechtigten, keine Hilfe erwarten. Denn in ihren Augen gehörten doch gerade Schläge zu den wichtigsten Methoden, um einen Jungen zu erziehen. Ihre Devise lautete sogar: Schade um jeden Schlag, der vorbeigeht. Wurde es ihrer Meinung nach wieder einmal Zeit für eine derartige Erziehungsmaßnahme, dann konnte es geschehen, dass sich kinderfreundliche Nachbarn einmischten und meine Mutter belehrten: „Kinder schlägt man nicht.“ Für meine Mutter war das allerdings kein stichhaltiges Argument, denn sie schlug doch kein Kind, sondern einen Jungen. Selbst der frühere Freund meiner Mutter hatte mich etliche Male gerettet, aber zu meinem Bedauern trennten sich die beiden. Ihrer Aussage nach war er zu aggressiv. Dann kam der Neue und übernahm bereitwillig das Amt des Schlägers.

   „Jetzt kannst du schreien“, wiederholte er seinen Versuch, mich zu verhöhnen.

   Bis vor wenigen Augenblicken hatte ich noch mit meinem Tod gerechnet oder mit dem Verkauf an Sklavenhändler. Doch jetzt wusste ich, dass ich nur geschlagen werden sollte. Die Angst wich augenblicklich von mir. Stattdessen wurde ich wütend. Mir war zwar nicht ganz klar, gegen wen sich meine Wut richtete. Aber auf jeden Fall war ich wütend, weil ich ihm ausgeliefert war. Ausgerechnet ihm, der sich in meine Familie gedrängt hatte. Als er das erste Mal bei uns erschien, bot er an, ich dürfe Papa zu ihm sagen. – Papa – ich? – zu einem Eindringling!?

   Nachdem der Eindringling seine Pflicht erfüllt hatte, warf er den Stock in hohem Bogen zurück in den Knick. Dieses Mal hatte er vorsichtiger zugeschlagen. Meine Arme und Beine sowie mein Gesicht blieben verschont. Anders als das Mal davor war ich jetzt nicht gezwungen, der Schule für drei Tage fernzubleiben.

   Schweigend traten wir den Heimweg an. Heiterkeit stieg in mir auf. In dieser Zeit wurde ich zwar sehr oft geschlagen, aber für gewöhnlich nur ein einziges Mal am Tag. Hatte ich meine Tagesration hinter mir, konnte ich aufatmen und den Rest des Tages genießen. An Tagen ohne Schläge – diese Tage gab es auch – schwebte das Damoklesschwert über mir bis in den Schlaf hinein. Insofern war es mir lieber, zeitig geschlagen zu werden, anstatt bis zum Schlafengehen im Ungewissen zu bleiben.

   Zu Hause angekommen, herzte der Mann meine Mutter. Sie lachten und eröffneten mir: „Wir werden sehr bald heiraten. Außerdem“, sie machten eine kurze Pause und taten sehr geheimnisvoll, „kannst du dich auf ein Geschwisterchen freuen.“ Sie suchten meinen Blick. Hofften sie etwa auf Anzeichen von Freude bei mir?

   In mir brannte es wie Feuer. Es schmerzte mehr als eine Tagesration an Schlägen. Meine Familie existierte nicht mehr. Der Eindringling hatte nun seine eigene Familie gegründet – eine Familie, in der für mich kein Platz war. Und das bekam ich in den Folgejahren wieder und wieder zu spüren.

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Ein Esel, ein Kutscher und ein Haferbüschel

 

Ein Esel wird vor einen Wagen gespannt und soll ihn nun natürlich ziehen. Esel genießen zwar nicht so ein hohes Ansehen wie Pferde, dafür sind sie aber etwas schlauer. Wenn der Esel nicht will, dann wird er störrisch und rührt sich nicht vom Fleck.

 

Mag jemand auch schon ziemlich schlau sein, es findet sich fast immer jemand, der noch etwas schlauer ist. So denkt jedenfalls ein ziemlich raffinierter Kutscher, und ihm gelingt es tatsächlich, den Esel zu überlisten.

 

Der Esel sieht vorsichtig nach links hinten, ob der Kutscher vielleicht die Peitsche schwingt. Nein, eine Peitsche ist nicht zu sehen. Daraufhin wendet der Esel seinen Blick nach rechts hinten. Wieder ist keine Peitsche zu sehen.

 

„Seltsam, sehr seltsam“, denkt unser Esel und richtet seinen Blick nach vorn. Freudig überrascht, entdeckt er nur wenige Dezimeter vor seinem Maul ein leckeres Haferbüschel.

 

„Teufel noch mal“, denkt er, „so ein kleines Labsal käme mir altem Esel gerade recht.“ Schon macht er einen Schritt nach vorn. Doch was ist das? Dem Haferbüschel ist er nicht einen Zentimeter nähergekommen.

 

„Das kann nicht möglich sein“, stellt unser kluger Esel fest, „Haferbüschel können nicht laufen, erst recht nicht fliegen.“ Ehe es ihm so recht bewusst wird, hat er bereits den nächsten Schritt getan. Und wieder das gleiche Ergebnis, das sich seinem ungläubigen Blick bietet.

 

„Ich bin zu langsam, ich muss deutlich schneller werden. Ich werde mich doch nicht von einem dummen Haferbüschel besiegen lassen. Wenn ich laufen will, dann kann ich es auch. Dieser verflixte Hafer wird sich noch wundern.“

 

In unserem Esel erwacht nun die Gier nach Ehre und Anerkennung, überwiegend Ehrgeiz genannt. Dieses Mal will er ganz raffiniert vorgehen. Der Hafer wird gar nicht wissen, wie ihm geschieht. In unserem zu allem entschlossenen Esel ertönt bereits die Siegerhymne.

 

„Er wird gar nicht wissen, wie ihm geschieht“, wiederholt er seinen Vorsatz, „und das geschieht ihm recht!“ Wie jemand, der sich aus Hafer überhaupt nichts macht, schaut unser Esel zuerst sehr interessiert nach links, und nachdem er seinen Kopf auffällig langsam gewendet hat, richtet er seinen Blick nach rechts,. Dem Haferbüschel schenkt er nicht die geringste Aufmerksamkeit.

 

„Soll sich doch dieser blöde Hafer, nun ja, dieser leckere Hafer in Sicherheit wiegen. Ich werde ihn lehren, mich herauszufordern. Bin ich etwa ein Pferd?“ Er schüttelte sich vor Missbehagen bei dem Gedanken, ein Pferd sein zu müssen. Als er nun sicher ist, die Wachsamkeit des Hafers ausreichend eingeschläfert zu haben, stampft er mit seinen Hufen und macht einen überraschenden Satz nach vorn. Schon öffnet er sein Maul, und die gierige Zunge ringelt sich bereits in Erwartung kommenden Hafervergnügens.

 

Ungläubig blickt er nach vorn und kann es nicht fassen. Das Büschel hat zeitgleich mit seinem überraschenden Satz einen Sprung nach vorn gemacht und ist nun wieder genauso weit von seinem Maul entfernt wie zu Beginn.

 

„Ist es möglich, dass der Hafer Gedanken lesen kann? Dann hätte ich natürlich keine Chance. Ich könnte mich noch so sehr anstrengen, der Hafer wüsste es sogleich und würde unmittelbar reagieren.“

 

Trotzdem will unser Esel noch ein paar Versuche wagen und dabei die Fähigkeiten des Hafers testen. Schließlich gewinnt ein gewaltiges Gefühl in ihm die Oberhand, er muss, koste es, was es wolle, er muss diesen Hafer haben.

 

Wie bereits erwähnt, ist unser Esel nicht dumm, er merkt, dass er sich in die Fänge der Habgier begibt. „Es ist egal", entscheidet der nun von Gier gepackte Esel, „irgendwann auf dem Weg nach oben müssen wir alle Zugeständnisse machen. Anderenfalls bleiben wir ein Niemand, ein Nichts.“ Ehe es ihm bewusst wird, läuft er bereits dem Haferbüschel hinterher, ohne dass er ihm näherkommt.

 

„Du magst ja genau so schnell laufen wie ich, du verflixter, – nun ja, du leckerer Hafer, aber wie ist es mit der Ausdauer? - Ich werde so lange laufen, bis du aufgibst. Wenn deine Kondition am Ende ist, dann nützt dir deine Fähigkeit, Gedanken zu lesen, gar nichts mehr. Es wäre doch wohl gelacht. Ich gebe mich doch keinem Haferbüschel geschlagen, ich doch nicht! Wer bin ich denn?“

 

Nach etwa einer halben Stunde spürt er plötzlich die Zügel, der Kutscher gibt ihm das Zeichen, anzuhalten. „Gott sei Dank“, stöhnt unser Esel innerlich. „Das ist auch höchste Zeit, dieses Tempo hätte ich nicht mehr lange halten können. Doch nun hat ja der Kutscher eingegriffen und entschieden, den Kampf abzubrechen. Er als Esel hat nicht aufgegeben, er hat vielmehr in allen Ehren ein Unentschieden erreicht.“ Voller Zufriedenheit lässt er ein jubelndes „I-a“ ertönen.

 

Und wieder einmal traut er seinen Augen nicht mehr. Jetzt hat der Hafer wohl seinen Meister erkannt, denn er nähert sich dem Maul des Esels. Der innere Jubel in dem überglücklichen Esel steigt ins Unermessliche. „Jetzt heißt es, nicht hochmütig zu werden“, ermahnt sich der Esel, „dem Verlierer gilt es, Achtung zu erweisen, schließlich hat er tapfer gekämpft.“

 

Ein paar Sekunden lang ist unser Esel noch der großmütige Sieger, blickt bewundernd auf den köstlichen Hafer, der ihm ein starker Gegner gewesen ist, der sich ihm aber nach einem fairen Kampf schließlich ergeben hat. Ohne einen ausdrücklichen Befehl erhalten zu haben, öffnet sich sein Maul, und die Zunge tänzelt bereits um die ersten Haferähren. Unser glücklicher Esel schließt die Augen und lässt den heiß ersehnten Hafer in sein Maul gleiten. Die Zähne machen sich sofort ans Werk. Noch immer hat der Esel seine Augen geschlossen, um den Hafer besser genießen zu können. So sieht er auch nicht, dass der Kutscher das Büschel von der Stange löst, die Stange nach hinten in Richtung Wagen schiebt und den Rest des Büschels mit der Hand an den Esel verfüttert.

 

„Wir Esel müssen zusammenhalten, dann besiegen wir jeden Hafer.“ Ob wir vielleicht eine Gewerkschaft gründen? Allerdings meinte vor ein paar Tagen jemand: „In den Gewerkschaften gebe es bereits mehr als genug Esel.“

 

Wolf-Gero Bajohr, Hamburg, März 2008

 

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Die nächsten Jahre

Gertrud war schon sehr früh aufgestanden, es hatte sie nicht länger im Bett gehalten. Heute war ein großer Tag, ein wirklich großer Tag, und es war ihr großer Tag. Seit Jahren wartete sie bereits auf diesen einen Tag.

Petrus schien es gut mit ihr zu meinen. Bereits die Tage davor hatte die Sonne mit Licht und reichlich Wärme die Menschen beglückt.

Hatte sie wirklich alle eingeladen, alle, die sie an diesem Tag um sich haben wollte? „Hoffentlich habe ich niemanden vergessen!“, ging es ihr durch den Kopf. Einige kamen zwar auch ohne offizielle Einladung, die meisten wollten aber doch lieber eingeladen werden 

Sie überlegte, wer heute alles kommen würde. Schließlich musste alles gut vorbereitet werden. Jeder Gast brauchte einen Sitzplatz. Etwas zu essen und zu trinken erwartete er ebenfalls, selbst wenn er kurz vorher noch sein Frühstück eingenommen hatte und mehr als gesättigt war. Außerdem wollte jeder wenigstens für eine kurze Zeit in ihrer Nähe sein, um mit ihr ein paar persönliche Worte wechseln zu können.

Jemand musste den Ablauf im Auge behalten, und das war sie, was in ihrem fortgeschrittenem Alter sicherlich kein Leichtes war. Etwas später würden allerdings noch ihre Töchter dazukommen und einige Teilaufgaben übernehmen.

Wie war das mit den offiziellen Gratulanten? In den vorangehenden Jahren hatte es sich immer in Grenzen gehalten. Wer mochte wohl dieses Mal vorbeikommen, um mit ihr den großen Tag zu feiern. Der Pastor ließ es sich gewiss nicht nehmen, bei ihr hereinschauen. Hochzeiten und hohe Geburtstage sind doch sehr schöne Anlässe, die Menschen in ihrem Zuhause aufzusuchen, jedenfalls weit besser als beispielsweise Beerdigungen.

„Ob der Bürgermeister wohl auch kommt?“, fragte sich Gertrud und musste unwillkürlich lachen, denn sie dachte daran, dass er sie vielleicht zur Ehrenbürgerin ernennen könnte. Schließlich wurde sie heute hundert Jahre alt.

„Ehrenbürgerin“, sagte sie laut, um zu prüfen, ob ihr der Klang zusagte, „Und so erheben wir die Gläser und trinken auf das Wohl unserer neuen Ehrenbürgerin Gertrud Schiemann“, würde der Bürgermeister die übrigen Gäste auffordern. Dann würden alle ihre Gläser erheben, vielleicht sogar anstoßen und …

„Um Gottes willen“, rief sie aus, „hoffentlich habe ich das Glas aussortiert, bei dem ich vor ein paar Tagen den Sprung entdeckt habe?“ Nicht auszudenken, wenn der Bürgermeister das Glas erhebt und es in genau dem Augenblick zerbricht.

Eigentlich wäre es an der Zeit, ein leichtes Frühstück einzunehmen, doch daran war gar nicht zu denken, sie war viel zu aufgeregt. Sie ging durch alle Räume, prüfte, ob alle Sessel und Stühle richtig standen und nicht etwa mit abgelegten Kleidungsstücken belegt waren. Gertrud kontrollierte insbesondere, ob die Tische frei und mit den richtigen Tischdecken belegt waren. Nichts war ärgerlicher als ein Tisch, der gedeckt werden sollte, aber noch nicht abgeräumt worden war und auf dem dann auch noch die falsche Tischdecke lag.

„Ich muss den Mädchen unbedingt noch sagen, dass sie einen Tisch für die mitgebrachten Blumen bereitstellen.“

Gertrud ging zur Terrasse. Bei diesem warmen Wetter wären hier sicherlich nicht nur die paar übrig gebliebenen Raucher zu finden, auch andere Gäste würden die frische Luft zu würdigen wissen. Auf der Terrasse, stellte Gertrud besorgt fest, war noch fast gar nichts vorbereitet.

„Das erledigen nachher die Mädchen“, beruhigte sie sich selbst und ging weiter. Auf ihre Töchter konnte sie sich stets verlassen. Es waren gute Töchter. Alle drei hatten gute Partner gefunden und waren ihren beruflichen Weg erfolgreich gegangen. Wenn sie Hilfe brauchte, dann waren sie immer für sie da, so wie sie selbst als Mutter immer für ihre Töchter da gewesen war.

„Aber wo bleiben sie denn heute nur? – Ihnen wird doch nichts zugestoßen sein?“, schoss es ihr durch den Kopf, „gerade heute!“ – „Ach, Gertrud, was redest du für einen Unsinn?“, schalt sie sich selbst, „als ob es für Unfälle gute und schlechte Tage gäbe; für Unfälle sind die Tage immer schlecht.“

Ihr Blick fiel auf die Uhr an der Wand, es war kurz vor acht. Gertrud atmete auf. Vor neun oder halb zehn würden ihre Töchter ohnehin nicht kommen. Auch von den Gästen würde niemand früher erscheinen.

Gertrud setzte sich. Ihr schwindelte ein wenig. „Es gibt nichts, was ein gutes Frühstück nicht regeln könnte“, erinnerte sie sich. Sie bestrich eine Scheibe Brot mit Butter und legte eine Scheibe Schinken darauf. Dazu stellte sie ein Glas Mineralwasser auf den Tisch.

Das Brot war längst verspeist, aus dem Glas war das Mineralwasser verschwunden, und die Uhr zeigte halb neun an. Gertrud saß noch immer am Tisch und rätselte, was die Gäste wohl über ihre Zukunft sagen würden.

Die Zeit wollte und wollte nicht vergehen. Gertrud erhob sich und beschloss, vorsorglich noch einen Rundgang zu machen. „Es muss alles in Ordnung sein“, bestimmte sie, „schließlich ist es mein hundertster Geburtstag.“ Sie erhob sich und startete einen weiteren Kontrollgang.

Sie freute sich jedes Jahr auf ihre Geburtstagsgäste. Doch dieses Jahr war es mehr als nur die reine Vorfreude, sie war in höchstem Maße gespannt, was ihre Gäste in diesem Jahr sagen würden.

An ihrem Siebenundneunzigsten hieß es: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und alles Gute für die nächsten drei Jahre, dann ist die Hundert voll!“

An ihrem Achtundneunzigsten war es natürlich völlig anders: „Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag und alles Gute für die nächsten zwei Jahre, dann ist die Hundert voll!“

Wie war es wohl am Neunundneunzigsten? „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und alles Gute für das kommende Jahr – noch ein Jahr, dann ist die Hundert voll.“

Dieses Jahr war nun um. Sie hatte es geschafft: Die Hundert war voll. Doch was kam jetzt? Was war mit der Zeit danach? Hatte überhaupt schon jemand daran gedacht, dass es mit Hundert nicht zwangsläufig zu Ende war? Im Alter von hundertfünf kann man doch genauso gut sterben wie mit hundert. „Oder ist mein Guthaben an Lebenszeit jetzt vielleicht aufgebraucht? Werde ich die nächsten Jahre ohne die vielen guten Wünsche auskommen müssen?“

Sie wiederholte ihre letzte Erkenntnis: „Mit hundertfünf kann man doch genauso gut sterben wie mit hundert. Das gilt natürlich auch für hundertsechs und hundertsieben …“ Gertrud musste laut lachen. Am Ende wurde sie vielleicht sogar über hundertzehn oder hundertzwanzig oder …

Es klingelte an der Haustür. Der erste Gratulant war da. Es war Gertruds Enkel, ihr einziger Enkel. „Herzlichen Glückwunsch zum hundertsten Geburtstag, liebe Oma, und alles Gute für die nächsten hundert Jahre, vor allem Gesundheit!“

Gertrud strahlte. Sie drückte ihren Enkel fest an sich und sagte: „Wohl der Hundertjährigen, die solche lieben Enkelkinder hat!“ In Gedanken setzte sie hinzu: „Zweihundert? – Warum eigentlich nicht? – aber das dauert noch ein Weilchen.“

Wolf-Gero Bajohr, Hamburg, im April 2008

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Was bedeutet uns Weihnachten?


  Stockdunkel ist die Nacht. Adam hält die Hand vor sein Gesicht. Es ist so dunkel, dass er sie nicht erkennen kann. Warum hat er nur diese Abkürzung genommen? – Dumme Frage, natürlich deshalb, weil er möglichst schnell nach Hause möchte. Schließlich ist es Heiligabend, und an solchen Tagen zieht es wohl jeden heimwärts. Es wäre ja auch alles gut verlaufen, wenn das Auto nicht gestreikt hätte. Ausgerechnet heute! –Ausgerechnet heute? –Warum nicht heute? –Für das Auto ist dieser Tag nicht besser oder schlechter als jeder andere. Ein besonderer Tag ist es doch nur für Menschen. Ein besonderer Tag? –Ja, das mag schon stimmen. Aber was macht ihn eigentlich zu einem besonderen Tag? Ein Grund ist sicherlich, dass es an diesem Tag jeden nach Hause zieht. Moment, das kann doch nicht sein, das ist ja wie die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Fahren alle nach Hause, weil es ein besonderer Tag ist, oder ist es ein besonderer Tag, weil alle nach Hause wollen? Sollte Letzteres zutreffen, dann stellt sich sofort die Frage, warum alle nach Hause fahren wollen. – „Jetzt verwirre ich mich selbst“, denkt Adam. Natürlich liegt es an Weihnachten, das steht doch schließlich fest. Weil Weihnachten ist, wollen alle nach Hause. Das wäre somit geklärt. –Geklärt? –Wirklich geklärt? –Ist es wirklich so?

  Was bedeutet uns Weihnachten eigentlich? Es muss schon etwas Außergewöhnliches sein, wenn es alle dazu bringt, nach Hause zu wollen. Für die Römer war der fünfundzwanzigste Dezember der Geburtstag ihres Sonnengottes Sol. Auf diesen Tag legten im vierten nachchristlichen Jahrhundert die Christen Jesu Geburt. Christen glauben seitdem, die Heilige Nacht sei die Nacht vom vierundzwanzigsten auf den fünfundzwanzigsten Dezember und in dieser Nacht sei Gottes Sohn geboren. Wenn damit das Besondere erklärt sein soll, dann kann es Adam nicht nachvollziehen. Es gibt Ostern, Pfingsten und andere Feiertage, ohne dass es zu einer Völkerwanderung nach Hause kommt. Was ist an Weihnachten das Besondere? –Fragen wir Kinder, dann sind es die Geschenke, die aus Weihnachten etwas Besonderes machen. Erwachsene nennen die Möglichkeit, sich von dem Stress zu erholen, in den sie nur deshalb geraten, weil sie sich auf Weihnachten vorbereiten, vor allem wegen der Jagd auf die letzten noch fehlenden Geschenke. Nein, entscheidet Adam, Weihnachten kann es nicht sein, es muss etwas sein, was über Weihnachten hinausreicht, etwas, was noch mehr Bedeutung hat als der Geburtstag eines römischen Gottes und der auf diesen Tag gelegte Geburtstag Christi. Es muss etwas sein, was bereits die Menschen berührte, die lange vor dem römischen Gott und lange vor Jesus Christus lebten.

  Adam tritt im Dunkeln in eine Vertiefung, kommt ins Taumeln und verliert schließlich vollends das Gleichgewicht. Er stürzt und schlägt mit dem Kopf auf etwas Hartes, vermutlich ein Stein. Er verliert das Bewusstsein. Nach einer unbestimmten Zeit kommt er wieder zu sich. In seinem Kopf hämmert und pocht es. Er richtet sich auf. Mit dem rechten Fuß den Bodenvorsichtig abtastend, steht er schließlich wieder auf der Straße. Er hebt den Blick und sieht in einiger Entfernung ein Licht. Ein wohliges Gefühl großen Glücks durchströmt seinen Körper, und plötzlich weiß er, was das Besondere hinter Weihnachten ist. Kraft durchströmt seine Glieder, er fühlt die Spannung in seinen Muskeln, dann setzt er seinen Weg entschlossen fort. Ihm ist, als sei die Dunkelheit nicht mehr ganz so dunkel wie zuvor. Ihn erfasst eine freudige Erregung, als er sich dem Haus mit dem erleuchteten Fenster nähert. Bald darauf steht er vor der Eingangstür. Er klopft und wartet. Wenig später öffnet sich die Tür, und ein älterer Herr schaut Adam aufmerksam ins Gesicht. Adam will erklären, dass sein Auto liegengeblieben ist. Doch der ältere Herr winkt ab.„Kommen Sie erst einmal herein, Sie Armer, bei dieser Kälte müssen Sie ja völlig erfroren sein –und dann ausgerechnet am Heiligen Abend!“ Während Adam im Wohnzimmer etwas verlegen stehen bleibt, geht der freundliche Gastgeber auf eine Tür zu, öffnet sie und ruft: „Elfriede, wir haben einen Gast.“ Gleich darauf erscheint Elfriede, offensichtlich die Ehefrau des älteren Herrn. Sie schaut Adam mitfühlend an und ruft dann aus: „Sie Armer, bei dieser Kälte müssen Sie ja völlig erfroren sein –und dann ausgerechnet am Heiligen Abend!“ Adam ist verblüfft, es sind die gleichen Worte, die ihr Mann bereits gebraucht hat. Adam lächelt. „Ausgerechnet Heiligabend?“, geht es durch seinen Kopf. „Natürlich muss es dieser Abend sein, kein anderer kommt in Frage.“

  Wie immer, wenn er eine neue Erkenntnis gewonnen hat, durchströmt ihn ein wärmendes Glücksgefühl. Jetzt weiß er, was das Besondere hinter Weihnachten ist. Wenn die Sonne sich so weit entfernt, dass den Tagen kaum noch Zeit bleibt, hell zu werden, wenn sich Herbst und Winter berühren und die Dunkelheit die Herrschaft antritt, dann stellt sich das Licht der Dunkelheit entgegen und erweckt die Hoffnung: Das Licht erhellt, wo Finsternis ist, es wärmt den Frierenden und führt den Verirrten dorthin, wo ihn Hilfe erwartet.

  Das Mensch gewordene Licht sagt über sich selbst:„Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“(Joh. 8,12.)

Weihnachten 2007
Wolf-Gero Bajohr

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Ein etwas anderes Weihnachtsgeschenk

„Guten Abend! – Ist das nicht Bruno, der Musterschüler, der die Schulzeit mit einem Abitur im Einser-Bereich beendete, der obendrein das Studium an der Technischen Hochschule mit der Note Eins abschloss und die Promotion mit summa cum laude schaffte? Bruno, der junge Doktoringenieur, der sofort eine interessante und zudem lukrative Erstanstellung erhielt. Was hat dich, den Erfolgreichen, an diesen Ort verschlagen?“

Verwundert drehte sich Bruno um.

„Wie kommt es, dass ein kleines Mädchen wie du so viel über mich weiß? – Wer bist du?“

„Eigentlich solltest du wissen, wer ich bin. Wir kennen uns. – Denk noch einmal darüber nach. Solltest du wirklich nicht herausfinden, wer ich bin, verrate ich es dir etwas später. – Doch kehren wir zunächst zu meiner Frage zurück: Was hat dich an diesen Ort verschlagen?“

„Es ist, wie es ist. Ich hatte ein angenehmes Leben: einen guten Job, eine zauberhafte Frau, zwei gut geratene Kinder, einen Hund, ein schönes Haus und ausreichend Geld, um uns den einen oder anderen Wunsch erfüllen zu können. Dass mir dennoch etwas fehlte, wurde mir erst bewusst, als mein Arbeitgeber die Tore schloss und ich plötzlich keinen Arbeitsplatz mehr hatte. Als Fünfundfünfzigjähriger hatte ich keine Möglichkeit mehr, einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden. Für eine gewisse Zeit erhielt ich noch Arbeitslosengeld. Nachdem ich meine Frau und meine beiden Kinder bei einem Unfall verloren hatte, und unser Hund ihnen nicht viel später gefolgt war, fühlte ich mich kaum anders als der wiedergeborene Hiob. Es war nichts mehr da, woran ich mein Herz hängen konnte. Ich war allein. Meine einzige Sorge galt fortan nur mir selbst. Um das Maß vollzumachen, teilte man mir mit, ich hätte eine seltene Muskelkrankheit, die langsam voranschreite und nicht geheilt werden könne. Von da an hielt ich es zu Hause nicht mehr aus.“

„Du sagtest: Dass mir dennoch etwas fehlte … Ich wüsste gern, was das war.“

„Es war die Freiheit.“

„Welche Art von Freiheit meinst du, Freiheit wovon oder wozu?“

„Solange es mir gut ging, merkte ich es nicht. Um das zu halten und zu erhalten, was mir Freude bereitete, unterwarf ich mich den scheinbar nicht zu vermeidenden Zwängen des Funktionierens, ohne über die Notwendigkeit auch nur einen Augenblick nachzudenken. Hätte ich an der Stelle einmal Bilanz gezogen, wäre ich vermutlich entsetzt gewesen. Von allem, was mir Freude bereitete, war die Menge der kostenlosen Freudebereiter verschwindend klein gegenüber den mit Kosten verbundenen. Jede Freude, für die ich zahlen musste, bedeutete ein Stück Unfreiheit.“

„Du meinst also die Freiheit vom Konsumterror.“

„Ja, diese Freiheit meine ich. Erst als ich nichts mehr besaß, erwuchs mir schließlich die Erkenntnis, dass ich viel weniger brauchte, als ich für gewöhnlich zu brauchen glaubte. Ich hätte es zuvor nicht für möglich gehalten, wie wenig mir bereits reicht. Als wären meine Sinne nach einem langen Schlaf erwacht, hörte ich plötzlich wieder Vögel singen, eine Katze miauen, sah einen Hund, der sein Frauchen überschwänglich begrüßte. Eine Wolke verschob sich, und das warme Licht der Abendsonne fand den Weg zu mir und tauchte die Landschaft in anheimelnde Rottöne. Fort war der Zwang, nach mehr streben zu müssen, und ich konnte endlich aufatmen.“

„Du beschreibst dein gegenwärtiges Leben, als lebtest du im Paradies. Ist wirklich alles eitel Sonnenschein? Gibt es gar keine Probleme?“

„Hin und wieder gibt es schon Probleme. Sie sind aber unmittelbarer als in meinem früheren Leben. Damals musste ich zu Menschen höflich oder sogar freundlich sein, obwohl ich wusste, dass sie bereits an meinem Stuhl sägten. Wenn mir heute jemand meinen guten Platz zum Schlafen oder zum Betteln streitig machen will, dann gibt er nicht vor, mein Freund zu sein, er nutzt seine Möglichkeiten, mir den Platz fortzunehmen, und ich meine, um ihn daran zu hindern.“

„Augenscheinlich hast du deinen Weg gefunden, was mich natürlich freut. Trotzdem, Bruno, ist es nicht schon zu kalt, um in einer Einkaufspassage zu schlafen? Warum schläfst du nicht in einem der Heime, die für Obdachlose eingerichtet wurden? Dort ist es doch wenigstens warm und trocken.“

„Und während der Nacht werde ich dort bestohlen. – Nein, da schlaf ich doch lieber draußen und behalte meine wenigen Habseligkeiten.“

„Wird denn draußen gar nicht gestohlen?“

„Auf jeden Fall erheblich weniger.“

„Und woran liegt das?“

„Wenn ich draußen liege, machen die Menschen für gewöhnlich einen Bogen um mich, sodass mich ein von Menschen freier Raum umgibt, gewissermaßen ein Bereich erhöhter Alarmbereitschaft. Dringt jemand in ihn ein, bin ich sofort hellwach und kann auf meine paar Sachen aufpassen.“

„Kannst du nicht auch im Asyl einen Alarmbereich einrichten?“

„Das geht leider nicht. Die Heime sind voll bis überbelegt, sodass gar kein Platz vorhanden ist, um persönliche Freiräume einzurichten. Dort macht auch niemand einen Bogen um mich, er könnte es gar nicht, selbst wenn er wollte. Sollte ich dennoch versuchen, einen Freiraum zu reservieren, wird man ihn nicht respektieren. Stets werden ihn einige Mitbewohner betreten und meinen persönlichen Alarm auslösen. Folglich muss ich meine innere Alarmeinrichtung ausschalten, um überhaupt schlafen zu können. Sobald sie aber ausgeschaltet ist, können Diebe ohne Probleme an meine Habseligkeiten gelangen.“

In höchstem Grade verunsichert, betrachtete Bruno das zarte Mädchen von etwa zehn Jahren. Es trug sein langes blondes Haar offen und sah ihn mit großen Augen ernst an. Wer war die Kleine? Ihre Worte passten nicht zu ihrer Erscheinung: eine Erwachsene in einem Mädchenkörper? So sehr er auch in seinem Gedächtnis forschte, er wusste nicht, wer das Mädchen war. Schließlich fragte er: „Kennen wir uns wirklich? – Ich kann mich leider nicht erinnern.“

„Manche nennen mich Chris, andere Christel, doch du nanntest mich früher – wie auch die meisten anderen – Christkind.“

Bruno nahm die Schultern zurück und hob erstaunt die Augenbrauen.

„Bist du wirklich das Christkind aus meinen Kindertagen? Während ich inzwischen ein alter Mann bin, bist du immer noch das kleine zarte Mädchen. – Wie kommt das?“

„Das ist kein großes Geheimnis. Ich erscheine den Menschen in der Gestalt, in der ich ihnen erscheinen möchte. Da ich überwiegend Kinder besuche, bin ich meistens ein kleines Mädchen oder ein Junge.“

„Warum erscheinst du mir, einem alten Menschen, ebenfalls als kleines Mädchen?“

„Ich hoffte, du würdest mich dann leichter erkennen. Soll ich dir lieber als alte Frau erscheinen oder als Mann?“

„Behalte die Gestalt aus meinen Kindertagen: ein kleines zartes Mädchen. Dann gibt es wenigstens etwas, was so geblieben ist, wie es damals war.“

Mit diesen Worten löste sich Brunos gerade noch gespannte Haltung, und seine Schultern sanken wieder herab.

„Was willst du mir damit sagen?“

„Ich bin nicht mehr der kleine Bruno, für den das Christkind ein fehlerfreies Wesen war. Heute sehe ich manches kritischer als in meinen Kindertagen.“

„Du hast bei mir Fehler entdeckt?“

„Einiges missfällt mir. Ob es tatsächlich Fehler sind, weiß ich nicht. Jetzt sehe ich in dir das Christkind, das insbesondere den Kindern Spielzeug bringt, deren Zimmer bereits mit Spielsachen vollgestopft sind?“

„Sollte ich den Kindern, die bereits Spielsachen haben, keine Geschenke mehr bringen?“

„Gar keine Geschenke fände ich zwar nicht gut, aber die Anzahl sollte durchaus eingeschränkt sein. Vielleicht könntest du jedes neue Geschenk gegen einige gut erhaltene Spielsachen tauschen. Je nach Qualität ließest du dir drei, vier oder fünf Spielsachen geben, die dann an arme Kinder weiterzugeben wären.“

„Das ist eine gute Idee. Aber ich fürchte, viele Eltern werden etwas dagegen haben, dass ich die Kinderzimmer plündere.“

„Rechtzeitig vor Weihnachten könnten Kinder und Eltern gemeinsam einige Spielsachen aussuchen und sie zum Verteilen an arme Kinder freigeben.“

„Wo siehst du meinen Beitrag?“

Bruno blickte einen Augenblick schweigend in die klaren Augen und das freundliche Gesicht des Mädchens. Bei dem Gedanken, das Christkind ein wenig zu beraten, erwachte in ihm der alte Tatendrang. Wann habe ich schon eine dermaßen großartige Möglichkeit, im Leben etwas mitzugestalten?

„Du könntest die freiwillig abgetretenen Spielsachen beim Verteilen der Geschenke berücksichtigen. Wohlhabende und Reiche, die nichts gespendet haben, bekommen nur ein sehr bescheidenes Geschenk.“

„Wenn ich dich richtig verstehe, dann soll ich als Christkind für eine kleine Umverteilung der finanziellen Mittel sorgen. – Meinst du es tatsächlich so, Bruno?

„Das wäre endlich einmal ein wirklich fröhliches Weihnachtsfest.“

„Für wen wäre es ein fröhliches Weihnachtsfest?“

„Vermutlich werden die Kinder und Eltern, von denen erwartet wird, dass sie etwas abgeben, von meinem Vorschlag weniger erbaut sein. Dafür freuen sich aber alle, die ihre Geschenke ohne Vorbehalt bekommen.“

„Bist du dir sicher, dass sich alle freuen werden?

„Ich gehe davon aus. Hast du etwa Bedenken?“

„Mir scheint, du betrachtest die Menschen durch eine Brille mit rosafarbenen Gläsern.“

„Du hast also Bedenken?“

„In der Tat, ich habe Bedenken. Ich weiß nicht, wie wir die Menschen dazu bringen könnten, sich über das Erhaltene zu freuen. Meiner Erfahrung nach sehen sie vor allem das, was der Nachbar bekommt, sie selbst aber nicht.“

„Mir hast du eine Brille mit rosafarbenen Gläsern vorgeworfen. Ist es möglich, dass die Gläser deiner Brille dunkelgrau sind?“

„Um etwas Dunkelgraues als dunkelgrau erkennen zu können, brauche ich keine dunkelgrauen Gläser, im Gegenteil, sie müssen völlig klar sein.“

„Gleichgültig, wie deine Brillengläser gefärbt sind, setze die Brille doch einfach einmal ab!“

„Sieh mich an! – Entdeckst du eine Brille?“

„Du weißt, dass ich keine reale Brille meine, sondern einen Filter in der Wahrnehmungsabteilung deines Gehirns.“

„Natürlich, du hast ja recht. – Aber nach zweitausend Jahren intensiver Beobachtung menschlichen Verhaltens kann ich mein Urteil über die Menschen nicht mehr so leicht ändern.“

„Das klingt hart. – Mit dem Begriff Christkind verband ich bisher stets ein Wesen, dessen Motivation die Liebe ist.“

„Die Liebe ist durchaus noch da, aber sie spüren vor allem die kleinen und noch weitgehend unschuldigen Kinder. Werden die Menschen jedoch älter, decke ich nicht mehr alles mit dem Mantel der Liebe zu.“

„Meine Vorstellung vom Christkind war völlig anders“, warf Bruno mit trauriger Stimme ein.

„Ich weiß, Bruno, ich weiß. Was du in Erinnerung hast, ist der Glaube des kleinen Bruno, der zu seiner Zeit auch völlig richtig war. Erwachsene sollen aber nicht mehr wie unmündige Kinder an der Hand geführt werden, sie sollen und wollen ihren Weg selbst finden und verantworten.“

„Für Erwachsene hast du also gar keine Liebe mehr?“

„Es wäre traurig, wenn es wirklich so wäre. Ich gebe aber zu, dass die Liebe zu den Erwachsenen nicht so augenfällig ist wie die zu Kindern. Manches, was du als Mangel an Liebe wertest, lässt sich mit einem bei dir gegebenen Mangel an Hintergrundwissen erklären. – Sag einmal, Bruno, wäre es ein Ausdruck von Liebe, wenn ich den Menschen alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumte, sogar die Schwierigkeiten, die sich die Menschen selbst bereitet haben? – Müssen nicht auch sehr gute, liebevolle Eltern manchmal unangenehme Wahrheiten aussprechen?“

„Hier stimme ich dir zu. Verantwortungsvolle Eltern bemühen sich, ihren Kindern zu dem zu verhelfen, was für die Kinder am besten ist, und nicht zu dem, was die Kinder am liebsten hätten.“

„Ich freue mich, dass du den Unterschied siehst.“

Bruno blickte in die strahlenden Augen des Christkindes. Der Anblick bewegte ihn, löste in ihm etwas aus. Ihm war, als versinke er wieder in der Tiefe braun-grün gesprenkelter Augen, es waren die Augen seiner Frau. Für wenige Augenblicke spürte er, wie sich ein lang entbehrtes Gefühl der Freude und Zuversicht in ihm ausbreitete. Unwillkürlich lächelte er.

„Mir fällt auf, dass wir über das Schenken sprechen wollen, aber ständig über Probleme reden. Im Grunde ist es doch absurd: Wir beschenken jemanden, weil wir ihm eine Freude bereiten wollen, doch nicht selten lösen wir statt der Freude Ärger und Neid aus. Vielleicht sollten wir das Schenken an sich bereits infrage stellen. Wie sind wir eigentlich auf die Idee gekommen, unseren Mitmenschen etwas zu schenken?“

„Das ist eine sehr gute Frage. Leider wird sie nur selten gestellt.“

„Du hältst meine Frage für sehr gut, was mich natürlich freut. Aber eine Antwort steht noch aus.“

„Warum versuchst du es nicht selbst einmal, die Antwort zu geben?“

„Könnte ich sie etwa selbst finden? – Im Augenblick habe ich nicht den Hauch einer Idee.“

„Ich gebe dir einmal einen kleinen Tipp: Denke bitte an das Geschenk einer Lichtgestalt, das für alle Menschen gedacht war, völlig unabhängig davon, ob sie reich oder arm waren!“

„Ein Geschenk für alle Menschen?“

„Für alle Menschen, ob groß, ob klein, ob reich oder arm, ihnen allen wurde dieses wunderbare Geschenk zuteil. – Weißt du jetzt, welches Geschenk ich meine?“

„Wurde es uns vor etwa zweitausend Jahren geschenkt?“, fragte Bruno unsicher.

„Ja, nun bist du auf dem richtigen Weg. – Sprich weiter!“

„Vermutlich meinst du die Geburt Jesu, des Mensch gewordenen Gottes?“

„Das ist völlig richtig.“

„Nun gut, ich bin zwar auf die Lösung deiner Rätselfrage gekommen. Aber jetzt verstehe ich nicht, wieso es ein Geschenk an die Menschheit sein soll.“

„Du weißt es also nicht. Hast du nicht einmal eine Idee?“

„Eine Idee habe ich durchaus. Sie bringt mich der Antwort aber nicht näher. Für den, der an Gott und Christus glaubt, lebte und starb Jesus für die Menschheit, indem er deren Sünden auf sich lud.“

„Ist das etwa kein großes Geschenk, wenn jemand deine Sünden auf sich selbst lädt?“

Bruno schüttelte den Kopf.

„Wie ich bereits sagte, für den, der glaubt, mag es ein Geschenk sein, aber für die anderen nicht. Meine unrechten Taten kann niemand auf sich nehmen, für sie bin allein ich verantwortlich. Insofern sehe ich in Jesu Leben und Sterben nicht nur kein Geschenk, sondern nicht einmal einen Sinn.“

„Lassen wir einmal die Sünden und wenden uns dem zu, was uns darüber hinaus betreffen könnte.“

„Willst du damit andeuten, dass mich mit Jesus etwas verbindet, obwohl ich nicht an ihn glaube?“

„Ja, genau darauf will ich hinaus.“ Das kleine Mädchen sah Bruno aufmerksam an und fuhr dann fort: „Ich vermute, du hast die Lösung noch nicht gefunden.“

„Du vermutest richtig“, antwortete Bruno.

„Also gut, dann verrate ich sie dir: – Jesus war überzeugt, Liebe sei der Schlüssel zum fairen Miteinander der Menschen. Er predigte Liebe nicht nur, sondern lebte auch danach. Indem er Gutes anstrebte und seiner Überzeugung treu blieb und dafür sogar den Tod in Kauf nahm, lebte und starb er als ein Vorbild für alle Menschen. – Sag einmal, Bruno, erkennst du darin das Geschenk für alle?“

„Sein Vorbild ist demnach das Geschenk für alle.“

„Was ist mit der Liebe, Bruno? Ist sie kein Geschenk?“

„Ich befürchte, dass Menschen, die nicht an das Göttliche in Jesus glauben, in der Liebe kein Geschenk für alle erkennen, weil sie als wesentlicher Bestandteil der Religion gesehen wird.“

„Ich entdecke einen Widerspruch, Bruno: Auf der einen Seite siehst du in der Liebe kein Geschenk für alle, weil sie von einer Religion ausgeht, auf der anderen Seite erkennst du Jesu Vorbild an, obwohl er sogar der Begründer einer Religion war.“

„Die Liebe wird von den Christen wie auch vom Islam als besondere Botschaft ihres jeweiligen Glaubens angesehen. Jesu Vorbild dagegen ist nicht an die Religion gebunden, so wenig wie Gandhis gewaltloser Widerstand als Teil des Hindu-Glaubens gesehen wird.“

„Wäre denn Jesu Vorbild ein Geschenk für dich?

„Vor Jahren hätte ich sofort zugestimmt, aber inzwischen habe ich mich mehr und mehr zurückgezogen. Ich weiß zwar, dass ich nicht nach Bösem strebe, aber ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch nach etwas strebe.“

„Wenn du nicht sicher bist, ob Jesu Vorbild ein Geschenk für dich ist, dann stellt sich mir die Frage, was für ein Geschenk dir willkommen wäre.“

„Spontan antworte ich, dass ich kein Geschenk möchte, denn ich habe alles, was ich brauche.“

„Und wie lautet deine Antwort, wenn du einen Augenblick darüber nachdenkst?“

Bruno überlegte einen Moment. Dann sprach er mit leiser, aber fester Stimme: „Jetzt habe ich sogar zwei Wünsche: Ich hätte gern ausreichend Kraft, um meiner Abkehr vom Konsumterror bis zu meinem Ende treu bleiben zu können, und das Ende wünsche ich mir als einen sanften Übergang, das heißt ohne stärkere Schmerzen!“

***

Plötzlich wurde Bruno von einem Polizisten unsanft geweckt. „Kommen Sie, stehen Sie auf! Hier dürfen Sie nicht schlafen.“

Bruno rieb sich die Augen und versuchte, den Zugang zur Realität zu finden. Menschen standen um ihn herum und betrachteten ihn neugierig. Aber wo war das kleine blonde Mädchen?

„Nun stehen Sie schon endlich auf, nehmen Sie Ihre Sachen und verschwinden Sie, wenn Sie nicht wollen, dass ich Sie verhafte!“, fuhr ihn der Polizist an.

„Was geschieht mit mir, wenn Sie mich verhaften?“, wollte Bruno wissen.

„Zunächst kommen Sie in Arrest. Was Sie danach zu erwarten haben, kann ich Ihnen nicht sagen, das bestimmt der Richter.“

Hoch erfreut entdeckte Bruno das Mädchen. Es stand plötzlich zwischen all den anderen Menschen, lächelte ihn an und schickte ihm eine Gedanken-Botschaft: Vergiss nicht, Bruno, indem er seiner Überzeugung treu blieb und dafür sogar den Tod in Kauf nahm, lebte und starb er als ein Vorbild für alle Menschen.

„Nun machen Sie schon! Ich will hier nicht die ganze Nacht verbringen. Stehen sie auf, nehmen Sie Ihre Habseligkeiten, und verschwinden Sie endlich!“, kommandierte der Polizist.

Bruno lächelte das zarte blonde Mädchen an und sagte: „Ich habe verstanden, ich werde weiterhin meinen Weg gehen.“ Dann griff er nach seiner Unterarmstütze und erhob sich.

„Na endlich!“, kommentierte der Ordnungshüter, dass sich Bruno erhoben hatte. Zudem bezog er dessen Worte, er werde seinen Weg gehen, auf die Bereitschaft, den polizeilichen Anordnungen nachzukommen.

„Gehen Sie weiter!“, rief er den Zuschauern zu, „Hier gibt es nichts mehr zu sehen!“.

Das blonde Mädchen schenkte Bruno noch einmal ein Lächeln. Eine Nacht in einer warmen Zelle wäre gar nicht schlecht, ging es ihm durch den Kopf. Bruno streckte seine beiden Arme dem Polizisten entgegen: „Nehmen Sie mich bitte fest!“

Fassungslos starrte ihn der Polizist an. „Verschwinden Sie endlich, oder ich muss Sie tatsächlich …“ Hier brach er plötzlich ab und wendete sich dem Mädchen zu. Konnte er das Mädchen etwa auch sehen?, fragte sich Bruno in Gedanken.

Nach zwanzig bis dreißig Sekunden wandte sich der Polizist wieder Bruno zu. Er schien verwirrt. Wie durch einen Schleier blickte er auf die ausgestreckten Arme Brunos, konnte sich aber nicht entschließen, ihn zu verhaften. Er sah sich um. Die Menschen hatten sich inzwischen entfernt. „Wollen Sie wirklich nicht verschwinden?“, fragte er jetzt wesentlich sanfter als vorher.

„So ist es“, bestätigte Bruno.

Die Gedanken des Polizisten drehten sich im Kreise: Ich soll ihn hier schlafen lassen. Ich soll ihn hier schlafen lassen. Ich soll ihn … – „Also gut! Wenn Sie nicht verschwinden wollen“, wandte er sich mit fester Stimme an Bruno, „dann werde ich gehen.“ Für einen Augenblick blieb er noch stehen, blickte Bruno sehr eindringlich ins Gesicht, als könnte es ihm ein Geheimnis verraten, dann sagte er: „Schlafen Sie gut!“, drehte sich um und ließ den überraschten Bruno zurück.

Bruno bereitete sein Lager und legte sich nieder. Doch bevor ihn der Schlaf übermannen konnte, tauchte der Polizist mit einer bereits aufgeblasenen Luftmatratze auf. Wortlos legte er sie neben Bruno, machte kehrt und entfernte sich sofort.

Als Bruno erkannte, was neben ihm lag, war der Polizist bereits fort. Trotzdem rief Bruno: „Danke, vielen Dank!“

Bruno richtete erneut sein Lager her und legte sich nieder, nun aber durch die Luftmatratze gegen die Bodenkälte etwas geschützt. Wenig später fielen ihm die Augen zu, und der Schlaf kam über ihn.

Das blonde Mädchen stand neben ihm, betrachtete ihn eine Weile, lächelte und flüsterte: „Hier kommt mein Geschenk für dich; und du brauchst dafür nicht einmal ein früheres Geschenk zurückzugeben. – Bis bald, Bruno!“ Danach entfernte es sich gemessenen Schrittes.

***

Am folgenden Morgen fand man Bruno in der Einkaufspassage. Sein irdisches Leben war entwichen. – Deutlich zeigte sich auf seinem Gesicht ein Lächeln.

Weihnachten 2008
Wolf-Gero Bajohr

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