Leseprobe aus: Ein Weg in die Leistungsgesellschaft mit mehr Gerechtigkeit

 

 

1. Adam und die Arbeitswelt

Wer ist Adam? – Die christlich-jüdische Schöpfungsgeschichte berichtet über eine Zeit gewaltigen Umbruchs: Gott wandelte das Chaos in Ordnung und bestellte Adam zum Hüter Seiner Schöpfung.

Adam – Name und Gattungsbegriff – stammt aus dem Hebrä­ischen und bedeutet eigentlich Mensch. Brauchen wir viel­leicht wieder eine höhere Macht, die Chaos in Ordnung wan­delt und einen neuen Adam zum Hüter der geänderten Schöpfung einsetzt? Oder versuchen wir es dieses Mal selbst, indem wir junge Menschen zu einem neuen Adam formen?

 

Wenn wir das rücksichtslose und dem Augenschein nach unaufhaltsam brutaler werdende Gegeneinander der Menschen mindern wollen, verdient die Arbeitswelt unsere besondere Aufmerksamkeit. Der Beruf nimmt im Leben eines Menschen für gewöhnlich einen großen Raum ein; nicht zuletzt definiert mancher sogar seinen Wert als Mensch durch eine berufliche Karriere. Einmal abgesehen von ererbtem oder durch Heirat erworbenem Vermögen, hängen das verfügbare Einkommen und der soziale Status weitgehend von der Berufstätigkeit ab. Aus Erfahrung wissen wir, dass überall dort, wo es etwas Erstrebenswertes zu verteilen gibt, auch gekämpft wird, und dabei geht es selten völlig fair zu, was besonders dann gilt, wenn Geltungssucht und Habgier das Motiv für den Kampf liefern.

Einige Menschen verfügen über so viel Geldvermögen, dass sie sich nahezu jeden materiellen Wunsch erfüllen können, anderen dagegen fehlt es sogar an Lebensnotwendigem. Wohl niemand wird diese höchst unterschiedliche Verteilung des Wohlstands bestreiten wollen, strittig ist hingegen, ob derart große Unterschiede gerecht sind.

Eine keineswegs kleine Gruppe von Befürwortern hält selbst größte Unterschiede noch für gerecht und begründet ihre Meinung mit einer angeblichen Grundregel jeder Leistungsgesellschaft. Danach seien große Leistungen mit großem Einkommen und hohem gesellschaftlichem Ansehen zu belohnen. Überdies sollte diese Belohnung aus erzieherischen Gründen für alle erkennbar sein, um weniger leistungsbereite Menschen zu motivieren, den Erfolgreichen nachzueifern und sich ebenfalls anzustrengen.

Kritiker widersprechen vehement und behaupten, große Einkommensunterschiede seien in höchstem Grade ungerecht, da sie keineswegs auf entsprechende Leistungsunterschiede zurückgeführt werden könnten. In etlichen Fällen dämpften sie sogar den Leistungswillen und förderten stattdessen den geschickten Gebrauch der Ellenbogen. Unsere Gemeinschaft werde deshalb zutreffender durch den Begriff Ellenbogengesellschaft charakterisiert. Die Existenz der Leistungs­gesell­schaft, von der so vieles abhängig gemacht wird, sei lediglich eine Legende.

 

1.1 Ist unsere Gesellschaft leistungsorientiert?

Ehe wir die wahrlich folgenschwere Frage, ob unsere Gesell­schaft überhaupt als leistungsorientiert  anzusehen ist, überzeugend beantworten können, müssen wir geeignete Entscheidungskriterien herausarbeiten. Doch bevor wir in medias res gehen, scheint ein wichtiger Hinweis unum­gänglich zu sein. Zum Teil werden Beispiele angeführt, die auf wahren Bege­benheiten beruhen. Sie sind dann allerdings so verfremdet, dass kein Rückschluss auf die Beteiligten möglich ist. Wenn dabei einem Mann, einer Frau oder einer bestimmten Berufs­gruppe etwas Unehrenhaftes unterstellt wird, dann bedeutet es unter gar keinen Umständen, dass sich der Vorwurf gegen alle Angehörigen dieser Gruppe richtet.

 

1.1.1 Leistung muss messbar sein

Was als Grundlage für Leistungsvergleiche dienen soll, muss objektiv messbar sein. Das sollte im Grunde jedem einleuchten. Dessen ungeachtet wird diese Voraussetzung bei der Bewertung menschlicher Leistungen allzu oft vernachlässigt.

In der Gemeinsprache scheint es überdies eine Begriffsverwirrung darüber zu geben, was unter Leistung zu verstehen ist; nicht selten werden Leistung und Arbeit als Synonyme verwendet. Im Gegensatz dazu unterscheiden Physiker streng zwischen diesen beiden Größen, setzen sie allerdings in Relation zueinander, indem sie den Begriff Leistung als Quotienten aus verrichteter Arbeit und der dazu benötigten
Zeit definieren[1].

Bei Maschinen, deren Haupteinsatzzweck das häufige Wiederholen gleichartiger Tätigkeiten ist, stellt die Ermittlung der Leistung im Allgemeinen kein Problem dar, zumal die erforderlichen MessEinrichtungen und Zähler meistens sogar eingebaut sind. Wollen wir die Leistung einer MarzipankartoffelMaschine ermitteln, brauchen wir lediglich die Zeit zu stoppen und die in dieser Zeitspanne produzierten Marzipankartoffeln zu zählen. Indem wir die Anzahl durch die Zeit dividieren, erhalten wir schließlich die gesuchte Größe. Ver­glei­chen wir sie nun mit der Leistung einer anderen MarzipankartoffelMaschine, ist leicht zu entscheiden, welche der beiden mehr leistet, das heißt besser ist.

Nur äußerst selten sind die Aufgaben menschlicher Arbeitskräfte so gleichartig, dass die Messung der Zeit und die Zählung der wiederholten Arbeitsschritte schon ausreichen, um die Leistung zu bestimmen. Zu derartigen Tätigkeiten gehören vielleicht manche Arbeiten am Fließband, wo nach einer Schicht die fertiggestellten Werkstücke gezählt werden können.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, verhindert also die Aufgabenvielfalt der Arbeitsplätze die eindeutige Messung der Leistung. Trotzdem wird immer wieder einmal versucht, zumindest vage Aussagen über Leistungen zu gewinnen, indem man annähernd gleichartige Teilaufgaben heraussucht, zählt und bewertet. Einen Arbeitsplatz auf einige Teilaufgaben zu reduzieren verleitet jedoch dazu, den herausgefilterten Teil bereits für den gesamten Arbeitsplatz zu halten und infolgedessen alle nur sporadisch anfallenden Tätigkeiten unberück­sichtigt zu lassen.

Zwangsläufig verbunden mit dem Herausfiltern einer Teil­auf­gabe scheint zu sein, eine zugehörige Zeitvorgabe fest­zulegen. Die Zielsetzung ist klar erkennbar. Indem wir den tatsächlichen Zeitaufwand für ausgeführte Aufgaben mit den als üblich geltenden Zeitvorgaben vergleichen, kommen wir zu der erhofften Aussage über die vermeintliche Leistung einer Arbeitskraft. Was ist aber üblich? – Wer festlegen darf, was als üblich zu gelten hat, legt den Maßstab fest, mit dem Leistung gemessen wird, und er entscheidet damit zugleich, wie ein Mensch als Arbeitskraft bewertet wird.

Zu den Standardaufgaben eines Programmierers gehört neben dem Erstellen von Programmen und Programmteilen das Beseitigen von Programmfehlern. Programmierer A findet und beseitigt seinen Fehler im Programm a innerhalb von zwei Stunden. Programmierer B braucht einen ganzen Arbeitstag, um den Fehler in dem von ihm zu bearbeitenden Programm b zu beheben. Ist die Leistung von Programmierer A höher, weil er für die Beseitigung des Programmfehlers nur zwei Stunden gebraucht hat? Wir wissen es nicht. Vielleicht hätte Program­mierer B den Fehler im Programm a bereits nach einer Stunde ausgemerzt oder aber erst nach drei Stunden. Uns fehlt die Basis für einen Vergleich, denn die Anzahl möglicher Fehler ist viel zu hoch, als dass jedem von ihnen eine Normzeit für seine Behebung zugeordnet werden könnte.

Die fehlende Möglichkeit, die Gesamtleistung einer Arbeitskraft mit wenigen oder gar keinen gleichartigen Teilaufgaben zu messen, verleitet nun einige der besser bezahlten Arbeitskräfte zu einem Zirkelschluss. Sie werten ihr höheres Einkommen als Beweis für höhere Leistung und verwenden dann diese ja nur scheinbar bewiesene höhere Leistung als Begründung für ihr höheres Einkommen. Beruflicher Erfolg kann jedoch niemals als Beweis für höhere Leistung dienen, weil die Leistung einer Arbeitskraft nur einer von vielen möglichen Fak­to­ren ist, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Ungeachtet aller angeführten Hinderungsgründe, die Leistung einer Arbeitskraft genau zu messen, bleiben erfreulicherweise besonders Leistungsstarke und ebenso ungewöhnlich Leistungsschwache nur selten unerkannt.

 

1.1.2 Die Voraussetzungen müssen gleich sein

Erfolgreiche neigen verständlicherweise dazu, ihren Erfolg auf ihre tatsächliche oder auch nur vermeintliche Leistung zurückzuführen. Geflissentlich ignorieren sie allerdings, dass ein erreichtes Ziel nichts über den zurückgelegten Weg, die dabei bewältigte Arbeit und die benötigte Zeit aussagt. Soll allein vom Ergebnis auf Leistung geschlossen werden, müssen die Voraussetzungen auf jeden Fall gleich sein, was erfahrungsgemäß selten zutrifft.

Wollen wir menschliche Leistungen gerecht beurteilen, haben wir alles zu berücksichtigen, was das Arbeiten beeinflusst. Anders als bei Maschinen, reicht es daher nicht, lediglich die verrichtete Arbeit und die dafür benötigte Zeit einzubeziehen, nicht minder wichtig sind Voraussetzungen und Umstände, unter denen gearbeitet wird.

Den ersten Läufer stellt das Schicksal auf eine feste Straße, den zweiten auf ein Förderband, das sich mit konstanter Geschwindigkeit vorwärts bewegt, den dritten Läufer ebenfalls auf ein Förderband, jedoch auf eines, das rückwärts läuft. Während sich der dritte Läufer bereits anstrengen muss, um auf der Stelle zu bleiben, braucht der zweite Läufer gar nichts zu tun und kommt trotzdem voran. Was ist als Leistung zu werten? In der täglichen Praxis bleiben unterschiedliche Voraussetzungen fast ausnahmslos unberücksichtigt, sodass in unserem Beispiel allein die Annäherung an das Ziel als Leis­tung gewertet wird, das heißt, wir sprechen dem Läufer auf einem sich vorwärts bewegenden Förderband selbst dann die größte Leistung zu, wenn er im Grunde langsamer läuft als seine Konkurrenten. Ist das eine gerechte Beurteilung?

Ein realistischeres Beispiel für unterschiedliche Voraussetzungen bieten zwei Menschen mit qualitativ weit aus­einander liegenden Elternhäusern. Der eine wird von seinen Eltern uneingeschränkt angenommen und ebenso in jeder Hinsicht gefördert; der andere hingegen muss sich beträchtlich anstrengen und darf sich keinerlei Fehler erlauben, wenn er weiterhin in seiner Familie geduldet werden will. Der erste entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einem selbstbewussten und Optimismus ausstrahlenden Adam. Er wird auch außerhalb des Elternhauses Mitmenschen finden, die ihn fördern und über kleine Fehler hinwegsehen. Hingegen wird der zweite Adam mög­licherweise zu einem von Minderwertigkeitsgefühlen geplagten, unablässig Pessimismus signalisierenden und zu Perfektion neigenden Menschen, der sein Leben lang große Anstrengungen auf sich nimmt, um ja keine Fehler zu machen. Denn seine Kindheit lehrte ihn, dass er mit jedem Fehler seine Existenzberechtigung in Frage stellt. Kritiker argumentieren sehr gern, man solle sich nicht an einem in der Vergangenheit erlittenen Unrecht festklammern, sondern das Beste aus der jeweiligen Situation machen. Eine gewisse Lebensweisheit spricht si­cher­lich aus dieser Aufforderung. Trotzdem, sie zielt am Kern des Problems vorbei: Erstens verschwindet keine Benachteiligung dadurch, dass sie der Benachteiligte ignoriert, und zweitens führt es zu ungerechter Wertung menschlicher Leistungen, wenn Benachteiligungen nicht berücksichtigt werden. Amputierte Beine hindern einen Menschen auch dann daran, an einem Wettlauf teilzunehmen, wenn er vergessen sollte, dass ihm die Beine fehlen – was wohl ohnehin kaum möglich ist.

Gerade die Menschen, die ihre Kindheit in liebevoller Ge­bor­genheit durchleben durften, können ihren Unmut häufig kaum verbergen, wenn eine schwierige Kindheit als mögliche Erklärung für Probleme im Erwachsenenalter angeführt wird. Es ist zwar durchaus richtig, dass nicht jeder Läufer, der erst nach allen anderen starten darf, als Letzter das Ziel erreicht, wie auch nicht alle scheitern, die als Kind eine problematische Zeit durchleben mussten, es ist aber ebenso unstrittig, dass sie sich mehr anstrengen müssen, weil sie nämlich Nachteile aus­zugleichen haben. Wer sich in einer günstigen Ausgangssituation befindet, kann vermutlich kaum ermessen, was es wirklich bedeutet, benachteiligt zu sein. Falsch erzogen worden zu sein ist zwar keine hinreichende Bedingung für späteres Versagen, aber es ist niemals eine gute Voraussetzung.

Bei Diskussionen über Leistungen wird für gewöhnlich über­sehen, dass zuweilen verborgen bleibende Leistungen erbracht werden müssen, um gleiche Voraussetzungen erst zu schaffen, als müsste ein Marathonläufer zwanzig Kilometer bis zum Startplatz laufen. Gewertet wird natürlich nur ein Teil der Ge­samtleistung, nämlich der Lauf vom Start bis zum Ziel. Eine leichte Kränkung, die einem ausgeglichenen Menschen noch nicht einmal das Lächeln aus seinem Gesicht vertreibt, kann einen Choleriker bereits viel Mühe kosten, einen Wutausbruch zu unterdrücken.

Im Bereich des Handels ist es üblich, die Leistungen des Ver­kaufspersonals auf der Grundlage von Umsatzzahlen und Gewinnen zu bewerten. Die verführerisch einfache, aber wirklichkeitsfremde Annahme lautet: Wer viel leistet, kann mit ho­hen Umsätzen und großen Gewinnen aufwarten. Völlig vernachlässigt wird dabei eine Erfahrung kaufmännischer Sachbearbeiter auf der untersten Hierarchiestufe, dass es nämlich keinen signifikanten Unterschied im Aufwand gibt, ob eine Rechnung über zehntausend oder nur über hundert Euro ge­schrieben werden muss. Wer in seinem Kundenstamm überwiegend Großkunden hat, erreicht häufig mit wenigen Aufträgen und geringem Aufwand höhere Umsatzzahlen als sein Ar­beitskollege, dem nur kleine und mittlere Kunden zugewiesen wurden. Werden zur Leistungsbeurteilung allein die Umsätze und Gewinne herangezogen, erfährt der Betreuer von Großkunden eine ungerechtfertigte Bevorzugung .

Um Voraussetzungen für gerechte Leistungsbeurteilungen geht es ebenfalls dann, wenn über den Standort Deutschland diskutiert wird. Unternehmer tendieren bekanntlich dazu, dort zu produzieren, wo die Lohnkosten niedrig sind, und ih­re Produkte dort zu verkaufen, wo die Kaufkraft wegen hoher Löhne groß ist. In Leistungsgesellschaften, die von sozialer Gerechtigkeit geprägt sind, darf es niemandem zum Vorteil gereichen, wenn er weltweit die Rosinen aus dem Kuchen zu picken versucht. Wer aber in seinem Heimatland produziert, dort Steuern und Sozialabgaben entrichtet und nicht zuletzt Löhne an seine Landsleute zahlt, erbringt für seine Heimatgesellschaft Leistungen, die anzuerkennen uns obliegt. Vernachlässigen wir jedoch als Verbraucher die unterschiedlichen Produktionsvoraussetzungen, richten uns also ausschließlich nach dem Endverkaufspreis und kaufen die im Ausland zu niedrigeren Kosten produzierten Waren, dann bestrafen wir heimische Unternehmer und verleiten sie möglicherweise dazu, ihre Produktion auch ins Ausland zu verlagern.

Die scheinbare Überlegenheit mancher Führungskräfte, die einzig und allein auf besserem Zugang zu Informationen beruht, als Leistungsnachweis zu werten, das verstößt ebenfalls gegen die Forderung nach gleichen Voraussetzungen .

Eine weitere, zugegebenermaßen eine sich weniger heftig auf­drängende Frage sei hier aufgeworfen, die Frage nach der Arbeitsfreude. Erbringt der Adam eine größere Leistung und verdient somit auch mehr Anerkennung, der eine Aufgabe mit Freude bewältigt, oder der, bei dem Pflichtgefühl oder der Wunsch, anderen zu helfen, die Motivation zum Handeln liefert? Gehen wir von der Definition Arbeit pro Zeit aus, gibt es keine Unterschiede. Sie werden jedoch deutlich, wenn wir die subjektiv empfundene Anstrengung während einer Arbeit berücksichtigen.

 

1.1.3 Leistung ist keine Eigenschaft des Arbeitsplatzes

Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Unter den beruflich Erfolgreichen gibt es viele, die fest an den Wahrheitsgehalt dieser Redensart glauben, und aus dem Besitz einer gut dotierten Position schließen sie auf ihre überragende Leistung. Sie missachten allerdings, dass Leistung keine Eigenschaft des Arbeitsplatzes ist, sondern ein Merkmal der Arbeitskraft.

Wir haben uns inzwischen dermaßen an die unkritische Verknüpfung von beruflicher Position und Leistung gewöhnt, dass uns die unerlaubte Verkürzung der Zusammenhänge nicht immer bewusst wird. Alle zu einem Arbeitsplatz gehörenden Aufgaben definieren seine Eigenschaften, und zwar ohne den Begriff Leistung auch nur zu berühren und unabhängig davon, wer oder ob überhaupt jemand diesen Arbeitsplatz besetzt. Erst wenn es um die Frage geht, wie erfolgreich eine Arbeitskraft die zum Arbeitsplatz gehörenden Aufgaben bewältigt, kann von Leistung gesprochen werden.

 

1.1.4 Leistung ist aufgabenbezogen

Bei einer Bruchlandung im australischen Outback wird der Pilot ziemlich schwer verletzt und das Funkgerät der Passa­gier­maschine zerstört. Die nächstgelegene Farm, von der aus Hilfe herbeigerufen werden kann, ist etwa vierzig Kilometer entfernt. Außer einem jungen Mann, der zufällig Marathonläufer ist, sind die Passagiere unsportlich oder sogar gehbehindert. Was könnte wohl näher liegen, als den Marathonläufer zur Farm zu schicken? Der Pilot schickt aber nicht ihn, sondern eine junge Frau. Sie sieht nicht nur hübsch aus, sie kann außerdem gut singen. Allerdings muss sie wegen eines gebrochenen Beines einen Gipsverband tragen.

Natürlich fragen wir uns, was das hübsche Aussehen der jungen Frau und ihre Begabung für das Singen mit dem Lauf zur Farm zu tun haben sollten, und halten die Entscheidung des Piloten für völlig unsinnig … und das zu Recht. Ginge es hier nicht um einen konstruierten Fall, sondern um eine reale Situa­ion, wäre der Pilot wohl kaum so töricht, eine gehbehinderte Frau zu schicken, selbstverständlich würde er sich für den Ma­rathonläufer entscheiden. Schließlich ist er für die spezielle Aufgabe, einen weiten Weg in möglichst kurzer Zeit laufend zurückzulegen, von allen am besten geeignet.

Leistung, die sich nicht auf die zu erfüllende Aufgabe bezieht, ist ohne Belang für Leistungsvergleiche. Jemand mag sich zum Beispiel mit seinem Vorgesetzten ausnehmend gut verstehen, über seine Eignung als Fachkraft sagt es nichts aus. Selbst überragende Leistungen auf einem Gebiet sind kein Beleg für große Leistungen in anderen Bereichen.

Es gibt nicht viele Universalgenies. Eine auffallende Begabung auf einem Gebiet ist daher häufig ein deutlicher Hinweis darauf, dass wir in anderen Bereichen einen Mangel zu erwarten haben. Wer sich im Berufsleben besonders gut darstellen kann, Zeit und Energie also in hohem Maße auf die Pflege des äußeren Erscheinungsbildes verwendet, wird möglicherweise nur über recht bescheidene Fähigkeiten für die eigentliche Berufstätigkeit verfügen.

 

1.1.5 Leistung sollte eigenständig sein

Eine Leistung gilt dann als eigenständig oder absolut, wenn sie von anderen vergleichbaren Leistungen unabhängig ist. Bei einem Hundertmeterlauf legt einer der Läufer die Strecke in zehn Sekunden zurück. Seine Laufleistung ist damit eindeutig be­stimmt, und zwar unabhängig davon, wie schnell seine Konkurrenten gelaufen sind.

Da in der täglichen Berufspraxis die Möglichkeit zur Messung eigenständiger Leistungen sehr oft fehlt, hat es sich eingebürgert, statt der eigenständigen Leistung die relative zu werten. Diese Größe gibt Auskunft über den Rangplatz, sie verrät uns beispielsweise, als Wievielter ein Läufer die Ziellinie erreicht hat. Wie viel Zeit er konkret gebraucht hat, ist für die Rangfolge unerheblich. Um Sieger zu werden, reicht es schon, nur et­was schneller zu sein als die anderen Läufer. Ohne selbst schneller oder langsamer zu laufen, also ohne Änderung der ei­genständigen Leistung, kann ein Läufer bei einem Wettlauf durchaus als Erster und bei einem anderen als Letzter ins Ziel kommen.

Erinnert uns die relative Leistung nicht fatal an die volkstümliche Redensart, nach welcher der Einäugige unter den Blinden König sei? Auch wer beschränkt leistungsfähig ist, kann trotzdem Sieger werden, sofern er ausschließlich mit Konkurrenten verglichen wird, deren Leistungsfähigkeit noch stärker eingeschränkt ist als seine eigene … oder ihm gelingt es auf in­trigante Weise, Mitbewerber in deutlich schlechterem Licht er­schei­nen zu lassen, als es ihnen in Wahrheit gebührt.

Die zunehmende Bedeutung relativer Leistung erscheint umso fragwürdiger, als bei Leistungsvergleichen zuweilen unter­schlagen wird, dass es sich lediglich um relative Leistungen handelt, die obendrein noch aus verschiedenen Bereichen stammen können. So gelingt es einem Läufer, die Hundertmeterstrecke in zehn Sekunden zu laufen. Er wird jedoch nur Zweiter, weil nämlich ein anderer noch etwas schneller lief. Seiner großartigen Laufleistung ungeachtet verliert er bei einem Vergleich der relativen Leistungen gegen einen Hoch­springer, der zwar gerade einmal die ziemlich bescheidene Höhe von einem Meter achtzig übersprang, aber damit eben trotzdem Sieger wurde.


 

[1].    Bei zeitabhängiger Arbeit ergibt sich die Momentanleistung als Differentialquotient der Arbeit nach der Zeit. (Quelle: Kuchling: Taschenbuch der Physik)